Die Macht von Worten
Kleine Worte, große Wirkung
Momentan wird mir wieder immer bewusst, welche (Aus-)Wirkungen Worte auf uns und unsere Gefühle haben. Die Worte „Nein“, „Kein“ und „Nicht“ mag unser Gehirn schlichtweg nicht und blendet sie meist aus. Gut zu demonstrieren am klassischen Beispiel:
„Denk jetzt NICHT an einen rosafarbenen Elefanten im gelben Bikini am Ostseestrand.“
Woran denkst du jetzt gerade? Richtig! Das NICHT wird ausgeklammert und du denkst an den beschriebenen Elefanten.
Als Mama fallen oft Sätze wie:
- „Hab keine Angst.“
- „Fall nicht runter.“
- „Du sollst nicht auf Bäume klettern.“
Was das Kind stattdessen meist hört:
„Hab (x) Angst.“
„Fall (x) runter.“
„Du sollst (x) auf Bäume klettern.“
Alternative Sätze dazu, die positiver klingen und trotzdem das Gleiche meinen:
- „Sei mutig. Du schaffst das. Ich glaube an dich. Alles ist gut. Ich bin hier/bei dir. Du bist nicht allein.“
- „Sei vorsichtig. Sei achtsam. Pass auf, wohin du trittst. Halt dich gut fest.“
- „Lass uns lieber auf das Klettergerüst gehen. Dort kannst du sicherer klettern.“ (Meist gibt es auf Spielplätzen einen gepufferten Boden.)
Ein anderes und mein persönliches Lieblingsbeispiel in Bezug auf die Wortwahl ist das Wort „Friedensstifter“ statt „Konfliktmanager“. Im Zusammenhang mit Gerald Hüther und seinen Gedanken zum Umgang mit Konflikten bin ich auf diesen Begriff gestoßen. Und seitdem lässt mich dieses Wort irgendwie nicht mehr los. Wie wundervoll ist bitte das Wort „Friedensstifter“?
Eine Freundin hat mir vor ca. 1,5 Jahren mal eine Nachricht mit einer ganz wundervollen Begrüßung gesendet: „Hallo meine Liebe!“ Es ist nichts Großes und trotzdem gaben mir diese drei Worte sofort ein warmes Gefühl und vermittelten mir liebevolle Wertschätzung. Mich hat das so sehr berührt, dass ich mir seitdem auch angewöhnt habe, liebe Menschen immer wieder so zu begrüßen. Denn ich möchte dieses schöne Gefühl, das ich damals empfunden habe, gerne weitergeben.
Zwei andere Beispiele sind „Ja, aber …“ und „schnell“.
Wer kennt Ersteres nicht? Das „Aber“ vernichtet alles, was vorher gesagt und vermeintlich durch das kurze „Ja“ noch bestätigt wurde. Und meistens ist das gar nicht die Absicht. Wir wollen eigentlich nur etwas ergänzen oder noch etwas zu bedenken bzw. zu beachten geben. Daher passen hier stattdessen die Varianten „Ja UND …“ oder „Ja, gleichzeitig …“ besser. Das Gesagte des Gesprächspartners wird gewürdigt und um weitere Gedanken ergänzt.
Das Wörtchen „schnell“ schleicht sich in meinem Alltag so oft in meine Sätze. „Ich muss noch schnell …“ Und unbewusst sorgt es klammheimlich immer wieder dafür, dass ich in Eile gerate und mich meist unnötig stresse. Als hätte ich einen Viehtreiber im Nacken, der mich vor sich hertreibt. Am schlimmsten empfinde ich es selbst, wenn ich sage: „Ich muss noch schnell was essen und dann …“ Denn es führt dazu, dass ich mir nicht die Zeit nehme, um in Ruhe zu essen, zu genießen und bewusst wahrzunehmen, was ich gerade tue. Stattdessen bin ich währenddessen schon gedanklich bei drei anderen Dingen, die ich im Anschluss noch erledigen will.
Ein lieber Mensch sagte mal zu mir: „Ich versuche mir gerade abzugewöhnen zu sagen: ‚Ich hab es nicht geschafft.‘ Stattdessen sage ich: ‚Ich habe mir die Zeit dafür noch nicht genommen.‘ Das bringt mich aus dem passiven Modus heraus und versetzt mich in die Selbstbestimmung über meine eigene Zeit und darüber, wie bzw. wofür ich sie nutze. Es sind bewusste Entscheidungen, wenn ich mir die Zeit für etwas nicht einräume und meine Priorität auf etwas anderem liegt.“
Ein anderes Beispiel für den Unterschied in der Wortwahl sehe ich darin, wie man sich erkundigt, wie es anderen geht. Oft höre oder lese ich die Aussage: „Ich hoffe, es geht dir/euch gut.“ Das ist ein nett gemeinter Satz. In meinen Ohren klingt er allerdings manchmal nach: „Ich wünsche dir nur das Beste, aber falls es dir gerade nicht gut geht, habe ich auch keine Zeit für deine Probleme. Bitte belaste mich nicht damit.“ Es fühlt sich für mich an wie ein Anklopfen, aber mit dem Zusatz: Bitte lass mich nicht rein. Die Tür bleibt zu. Daher ist die Hürde, auf diese Aussage mit „Nein, mir geht es gerade nicht gut“ zu antworten, besonders hoch.
Ich versuche anderen stattdessen die offene Frage zu stellen: „Wie geht es dir?“ Ich möchte so die Tür öffnen und zeigen: „Egal, wie es dir geht, ich habe ein offenes Ohr für dich und bin für dich da, wenn du mich lässt.“
Die bewusste Wahl von Worten beeinflusst somit nicht nur, wie ich mich fühle, sondern auch, welches Gefühl ich anderen gebe.
Und vielleicht ist genau das für mich die eigentliche Macht von Worten: Wir können mit ihnen nicht nur ausdrücken, was wir denken. Wir können mit ihnen Gefühle schenken, Türen öffnen, Nähe schaffen und anderen Menschen das Gefühl geben: „Ich sehe dich. Ich höre dir zu. Du darfst genauso sein, wie du gerade bist.“
Ich möchte deshalb noch bewusster darauf achten, welche Worte ich wähle. Nicht, weil jedes Wort perfekt sein muss, sondern weil ich die Welt um mich herum mit meinen Worten ein kleines bisschen mitgestalten kann.
Und wenn ich mit drei kleinen Worten wie „Hallo meine Liebe“ einem Menschen ein warmes Gefühl schenken kann, dann möchte ich das doch einfach viel öfter tun. ♥