Lichtmoment #3: Das Sprachhorn – wie ein Plüschtier uns zum Reden bewegt 🦄
Aktuell gewittert es draußen sehr oft. Die Luft ist stickig, dunkle Wolken ziehen auf.
Es gibt aber auch Tage, an denen das Gewitter innerlich entsteht. Dann kommt einfach alles zusammen: schlecht geschlafen, irgendwas klappt nicht auf Anhieb, und dann kommt noch ein blöder Kommentar, den man nun wirklich nicht gebraucht hätte. Zack, die Stimmung ist im Keller. Und obwohl es nicht so gemeint war, nehme ich diesen einen Satz persönlich. Richtig persönlich – und bin zutiefst beleidigt oder verletzt. Dann zeigt sich wieder mein (altes) Muster: Ich bin mit dem Arsch rum und unnahbar (Beitrag Kontrolldramen). Ich lasse niemanden mehr an mich heran – insbesondere nicht die Person, die den Kommentar gemacht hat.
Mittlerweile ertappe ich mich dabei selbst, und an guten Tagen schaffe ich es dann, bewusst in die Verantwortung zu gehen (Beitrag Responsibility-Prozess) und das Gespräch zu suchen. Aber manchmal verharre ich auch noch auf einer der unteren Stufen des Prozesses. Dann ist es sehr schwierig, mit mir ins Gespräch zu kommen.
Vor einigen Jahren haben mein Freund (heute mein Mann) und ich ein Ritual geschaffen, das es uns erleichtert, das Gespräch zu suchen und bewusst beim anderen einzufordern.
Unser Symbol – oder besser gesagt unser Maskottchen – ist nichts Geringeres als ein Plüsch-Einhorn mit rosafarbener Mähne. Wir nennen es liebevoll Sprachhorn.
Wenn einer von uns beiden merkt, dass der andere sich gerade zurückzieht, obwohl dringend ein Gespräch notwendig ist, dann holen wir das Einhorn raus und signalisieren dem anderen: Es ist an der Zeit zu reden. Es hat sich etabliert, dass immer nur derjenige reden darf, der gerade das Einhorn vor sich hat. Wer es gerade nicht hat, kann sich melden und so das Zeichen geben: „Ich möchte dazu gerne Stellung nehmen oder meine Sichtweise dazu schildern.“ Aber wer das Einhorn hat, darf so lange weiterreden, wie er möchte.
Auf diese Weise haben wir schon echt tiefe Gespräche geführt. Es gelang uns so, offen über unsere Gefühle, Bedürfnisse und Wahrnehmung zu sprechen. Wir haben seitdem stetig eine tiefere Verbindung aufgebaut, Verständnis für den anderen entwickelt und es geschafft, auf besondere Weise Rücksicht aufeinander zu nehmen. So manch ein Konflikt konnte direkt im Keim erstickt werden.
Manchmal sind es die kleinen Dinge, die sich zu einem so kraftvollen Ritual entwickeln.