Ich verspüre seit längerer Zeit ein Gefühl des „Ankommen“ und des „Zur Ruhe Kommen“. Daher möchte ich diesen Impuls nutzen und dir von meinem bisher größten Veränderungsprozess berichten. Da ich ihn selbst anhand der Heldenreise immer wieder reflektiert habe, möchte ich dir auch den ganzen Prozess vor und während meines Weges anhand meiner Heldenreise* beleuchten.
Ich habe mich 2022 bereits auf einer eher sachlichen Ebene mit meinen Themen beschäftigt und bekam diese Jahr noch einmal den Tipp in die emotionale Ebene abzutauchen und dadurch noch einmal sehr viel intensiver hinzuschauen, was los war, wie ich mich bei all dem gefühlt habe. Vielen Dank für diesen Anstoß.
Dadurch ist meine herunter geschriebene Heldengeschichte allerdings auch sehr lang geworden. Ich werde sie daher in 5 Teilen veröffentlichen.
*Was ist eine Heldenreise im Coaching-Sinne?
Die Heldenreise ist ein Modell für persönliche Entwicklung und Veränderung. Sie beschreibt den inneren Weg, den ein Mensch geht, wenn er sich aufmacht, etwas Neues zu wagen, eine Herausforderung zu meistern oder eine tiefere Wahrheit über sich selbst zu entdecken. Inspiriert vom klassischen Erzählmuster aus Mythen und Geschichten, steht die Heldenreise im Coaching dafür, wie wir unsere Komfortzone verlassen, uns unseren Ängsten und Hindernissen stellen, Unterstützung finden und schließlich mit neuen Erkenntnissen und gestärktem Selbstvertrauen zurückkehren.Im Coaching hilft die Heldenreise, den eigenen Veränderungsprozess bewusster zu erleben – nicht als linearen Weg, sondern als spannende Reise mit Höhen, Tiefen und wertvollen Erkenntnissen über das eigene Potenzial.
Teil 1: Die Welt davor – Unzufriedenheit & Ruf
Phase 1: Die gewohnte Welt – eine scheinbare Stabilität
Die Ausgangssituation. Alles wirkt stabil – doch unter der Oberfläche regt sich etwas.
Leitfrage: Wie fühlte sich mein Leben an, bevor ich wusste, dass sich etwas ändern muss?Bevor ich die ersten Anzeichen einer bevorstehenden Veränderung wahrgenommen habe, war einiges los in meiner gewohnten Welt.
Als 2019 über die ersten Corona-Fälle in China berichtet wurde, empfand ich zwar Mitgefühl, aber ich war weit entfernt von Angst. Nach dem Motto: „Das ist so weit weg, das wird hier nie ankommen.“ Und es verging gar nicht so viel Zeit, bis die ersten Erkrankungen auch in Deutschland auftraten und plötzlich Themen wie Lockdown, Ausgangssperre, Kontaktverbote und Maskenpflicht diskutiert wurden.
Als ich das erste Mal mit einer Maske einkaufen gehen musste, fühlte ich mich wie ein Ladendieb, der vermummt durch die Regale spaziert. Schließlich war noch Winter und ich trug zusätzlich eine dicke Mütze, Schal und eben die Maske, sodass nur noch meine Augenpartie zu sehen war. Verrückterweise fühlte ich mich, als endlich Lockerungen ausgesprochen wurden, wieder verunsichert, als ich plötzlich ohne Maske einkaufen ging.
Doch gerade als diese Lockerungen immer mehr in Aussicht kamen und sich eine positive, hoffnungsvolle Stimmung im Land breit machte, ließ die nächste Katastrophe nicht lange auf sich warten.
Krieg. Inflation. Energiepreise explodieren.
Wie oft hat man schon Kriegsbilder in den Nachrichten gesehen und Mitgefühl empfunden, aber sich insgeheim gedacht: „Das ist so weit weg, das wird mich nie betreffen.“ Und plötzlich ist es gar nicht mehr so weit entfernt.
Ohne es bewusst zu merken, verlor ich in einem Telefonat von jetzt auf gleich meinen Glauben daran, dass am Ende alles gut wird. Ich verlor meine Hoffnung und meinen Optimismus. Aber dazu später mehr.
Ich hatte Angst – so wie viele andere auch. Ich war total verunsichert. Jede Kleinigkeit, die nicht so lief, wie ich es geplant hatte, riss mich tiefer nach unten und zerstörte sofort die positiven Erfahrungen, die ich machen durfte. Ich fühlte mich klein, schwach und gefangen. Gefangen von meinen negativen Gefühlen: Angst und Unsicherheit. Und das Schlimme war: Ich sah keinen Ausweg.
Phase 2: Der Ruf des Abenteuers – wenn das Alte nicht mehr trägt
Leitfrage: Woran habe ich gemerkt, dass mein bisheriges Leben mir nicht mehr genügt?
In der zweiten Jahreshälfte von 2022 war ich nicht wirklich belastbar und bewertete alles Negative um ein Vielfaches stärker als Positives. Nach außen war alles wie immer. Der Alltag lief, ich funktionierte. Doch innerlich braute sich schon länger – größtenteils unbewusst – ein Gewitter zusammen. Erst in der Rückschau konnte ich meine damalige Situation wirklich erkennen.
Ich hatte zum 01.07.2020 einen befristeten Arbeitsvertrag angenommen, obwohl ich bei dem Chef kein gutes Gefühl hatte. Ich erinnere mich noch genau, wie ich dachte: „Dann habe ich erst mal einen Job für zwei Jahre. Danach sehe ich weiter.“ In den ersten Gesprächen mit meiner neuen Führungskraft wirkte es dann, als hätte er eine 180°-Drehung hingelegt im Vergleich zu meinem ersten Eindruck. Er verkürzte meine Probezeit, entfristete meinen Vertrag vorzeitig – alles wirkte zunächst positiv.
Doch in meinem Projekt wartete ich vergebens auf die zugesagte Unterstützung und Rückendeckung. Mir wurde Hoffnung auf eine neue verantwortungsvolle Rolle gemacht, nur um diese später wieder zurückzunehmen. Es traten Konflikte mit Kolleg:innen auf, die ich mir nicht richtig erklären konnte.
Privat waren wir seit Ende 2021 auf der Suche nach einem Einfamilienhaus. Das bedeutete, sich festzulegen. Mich an meinen Partner und den Wohnort zu binden – und gleichzeitig den Radius für einen möglichen neuen Job stark einzugrenzen. Wir wollten hier in der Region Braunschweig-Wolfenbüttel Wurzeln schlagen. Hier fühlen wir uns wohl, hier sind unsere Freund:innen, unsere Jobs. Und doch fühlte es sich gleichzeitig so an, als würde ich die Erwartungen meiner Eltern enttäuschen. Ich wollte nicht zurück. Ich bleibe hier.
Zur gleichen Zeit traf meine beste Freundin die Entscheidung, zurück in ihre Heimat zu ziehen. Es fühlte sich an wie ein Verlassenwerden, wie ein Zurückgelassenwerden. Ich hatte immer Verständnis für ihre Entscheidung – und doch traf sie mich sehr. Mein Anker, mein Rückzugsort, mein „Kaffee für die Seele“ rückte plötzlich in die Ferne und schien unerreichbar.
Auch unser Freundeskreis aus der Studienzeit begann zu bröckeln. Die ersten Konflikte und Trennungen traten auf. Unsere Verbundenheit durch das gemeinsame Studium war an einen kritischen Punkt gelangt, und jede:r befand sich plötzlich an einem ganz anderen Punkt im Leben.
Ich wollte all das zusammenhalten. Es sollte alles bleiben, wie es war. Doch es drohte alles auseinanderzubrechen.
Ich ging weiter zur Arbeit. Es wurde wieder mehr zur Pflicht, ins Büro zu kommen. Präsenz zeigen. Doch das Teamgefühl war nicht mehr wie vor der Corona-Krise. Meine Aufgaben erfüllten mich immer weniger. Es gab immer mehr Widerstände, gegen die ich ankämpfte. Diskussionen schienen sinnlos. Es raubte mir zunehmend Energie. Ich spürte eine innere Leere. Es war ein schleichender Prozess, und lange wusste ich nicht einmal, was eigentlich mit mir los war.
Meine inneren Stimmen und Gedanken kreisten um Fragen wie:
- Wofür bin ich hier?
- Was will ich?
- Erfüllt das den Sinn meines Lebens?
- Ich gehöre hier nicht hin. Nicht in den Job. Nicht in die Stadt Braunschweig. Nicht zurück nach Nienburg.
- Was macht mich aus?
Als der Krieg in der Ukraine ausbrach – und insbesondere nach einem Telefonat – verlor ich schlagartig meinen Glauben und mein Urvertrauen an das Gute. Eine Person, die immer positiv ihren eigenen Weg ging, Mut bewies und vor nichts zurückschreckte, sagte einen entscheidenden Satz zu mir. Er traf mich wie ein Stromschlag und erschütterte meine (Selbst-)Sicherheit.
Der Verlust dieses tiefen Glaubens, dass am Ende alles gut werden würde und ich nur vertrauen müsse, verursachte eine tiefsitzende Angst in mir. Es fühlte sich an, als würde mein Körper an diesem inneren Gift ersticken. Ich fühlte mich gefangen – in meiner eigenen Gedankenwelt und in der von außen erzeugten.
Die wenigen Strohhalme, die mir Luft zum Atmen gaben, wurden immer weniger. Und in mir wurde eine Stimme aktiv, die fragte:
- Wo führt das alles hin?
- Werde ich jemals wieder Sicherheit empfinden?
- Was ist und bleibt stabil?
- Nichts ist für die Ewigkeit. Es gibt nie 100 % Sicherheit.
Durch den Krieg stiegen die Zinsen, die Inflation und generell nahezu alle Preise. Kann ich mir meinen Lebensstandard noch leisten? Können wir uns das Haus noch leisten? Wie sicher sind wir in unserem eigenen Land noch?
Ich hörte langsam, aber immer deutlicher den Ruf, dass ich mich festlegen muss. Mich entscheiden muss. Für einen neuen Ort. Für andere Menschen. Es ist an der Zeit. Doch wo ist dieser Ort? Und welche Menschen warten dort auf mich?
Ich glaube, es ist ganz natürlich, Angst vor dem Ungewissen zu haben. Gleichzeitig zähle ich zu den Menschen, die sehr strukturiert sind und gerne alles im Voraus planen. Entsprechend fühlt sich Ungewissheit für mich vielleicht noch bedrohlicher an als für manch andere.
Es breitete sich eine tiefe Sehnsucht nach einem Neuanfang aus: ein neuer Job, ein neues Level in der Beziehung, ein neuer Wohnort. Beim Thema Job lenkte ich mich gerne selbst ab und rechtfertigte es mit: „Die Konditionen sind doch ganz gut – was beschwerst du dich eigentlich?“ Beim Thema Beziehung wich ich aus und mied Gespräche. Doch der Wohnortwechsel wurde über Wochen und Monate hinweg immer wieder analysiert.
Da ich auf mein Gefühl nicht hören wollte, wurde schließlich mein Körper aktiv. Ich bekam Rückenschmerzen, meine Kopfhaut juckte immer stärker, meine Hände wurden trocken, und ich hatte ständig Heißhungerattacken. Diese inneren Schmerzen wurden immer größer, und die Symptome ließen sich nicht mehr ignorieren.
Ich ahnte, dass ich erst am Boden liegen müsste, ehe ich – wie ein Phönix aus der Asche – wieder emporsteigen könnte.
Phase 3: Die Weigerung – zwischen Sehnsucht und Angst
Leitfrage: Warum habe ich trotz allem gezögert?
Der Wunsch nach einem Ortswechsel war da. Doch gleichzeitig meldeten sich Zweifel, innere Stimmen und alte Verhaltensmuster. Ich suchte förmlich nach Ausreden und Gründen, diesen Schritt noch nicht zu gehen:
- Du übertreibst. So schlimm ist es doch hier gar nicht.
- Was, wenn es schiefgeht?
- Was, wenn wir uns den Kredit nicht leisten können?
- Was, wenn Reparaturen oder Sanierungen anstehen und wir dafür kein Geld mehr übrig haben?
- Was, wenn einer von uns krank wird und ausfällt?
- Was, wenn das Traumhaus am falschen Ort steht?
- Was, wenn die Nachbarn doof sind?
- Was, wenn wir uns doch mal trennen sollten?
- Was, wenn Deutschland auch angegriffen wird?
- Hier und jetzt weiß man, was man hat. Es ist nicht optimal – aber schlimmer geht immer.
Meine Zurückhaltung spielte sich nicht nur auf mentaler Ebene ab. Auch Gefühle meldeten sich lautstark.
Ein Teil von mir glaubte, ständig von anderen beurteilt zu werden: wie viel das Haus gekostet hat, in welchem Zustand es sich befindet. Als würden alle nur darauf warten, dass es schiefgeht, um dann sagen zu können: „Wir haben es ja gleich gewusst.“
Diese Angst vor der Beurteilung durch andere erzeugte ein starkes Schamgefühl. Es hielt mich lange zurück. Hätte meine Weigerung sprechen können, hätte sie laut geschrien: „Was sollen die Leute denken?!“
Dabei wünschte ich mir so sehr einen ruhigen Ort. Einen Ort, an den ich mich zurückziehen kann. Ein eigenes Zimmer. Eine Wohlfühl-Oase, die ich gestalten darf – innen wie außen, inklusive Garten.
Gleichzeitig gab es viele treibende Kräfte, die gegen das Bleiben sprachen: Die Wohnung war zu klein. Aufgrund des Grundrisses konnten wir die Zimmer nicht anders aufteilen. Das Viertel war unruhiger geworden – mehr Vandalismus, weniger Rücksicht in der Nachbarschaft. Es gab Schimmel in der Wohnung, der sich durch feuchte Wände und einen feuchten Keller bis zu uns ausbreitete. Bei Reparaturen wurde gefuscht.
In meinem Leben hatte ich bereits mehrfach Situationen erlebt, in denen ich anfangs gezögert hatte – und dann doch den Sprung ins kalte Wasser wagte. 2013 kündigte ich beispielsweise meinen unbefristeten Job, um noch ein Studium zu absolvieren. Schon nach der Orientierungswoche dachte ich, es sei die schlimmste Entscheidung meines Lebens gewesen. Doch rückblickend war es ein enorm wichtiger Meilenstein. Ich verdanke ihm wertvolle Freundschaften und Erfahrungen, die mich nachhaltig nach vorne gebracht haben.
So konzentrierte ich mich mehr und mehr auf den Wohnortwechsel. Ein Teil von mir wollte dieses Haus unbedingt – auch wenn ein anderer Teil große Angst davor hatte, sich endgültig festzulegen.
Ich war bereit, mich meiner Angst zuzuwenden, ohne ihr das Steuer zu überlassen.

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