Phase 6: Prüfungen, Verbündete und Feinde – wenn das Neue auf die Probe gestellt wird
Leitfrage: Woran merke ich, dass ich noch mitten im Prozess stecke?
Der Traum vom Haus war erfüllt. Der Umzug abgeschlossen. Und doch zogen Wolken auf.
Es tauchten Probleme auf, die im ersten Moment klein wirkten und sich dann als mittelschwere Katastrophen entpuppten. Oft waren es Kleinigkeiten, die wir mit einem „Das machen wir mal eben schnell“ angingen – und die uns am Ende mehr Zeit, Energie und Nerven kosteten, als wir uns hätten vorstellen können.
Ich traute mich lange nicht, mit anderen offen darüber zu sprechen. Die Scham kam wieder hoch: „Was sollen die Leute denken?“ Also fragte ich nicht nach Hilfe. Manch gut gemeintes Angebot fühlte sich für mich sogar wie ein Hinterhalt an. Nicht, weil es einer war – sondern weil meine Gedankenwelt es so wahrnahm.
Wenn ich versuchte, auf mein Gefühl zu hören und Hilfe ablehnte, entstand Konflikt. Egal, wie ich mich entschied: Die Gefühle wurden heftiger und schleuderten mich jedes Mal weiter aus der Bahn. Es war eine unbeabsichtigte Gefühlsachterbahn, aus der ich nicht aussteigen konnte.
Mein Partner war weiterhin an meiner Seite – ehrlich, still und unterstützend.
Auch unsere Nachbarn, die wir erst kurz kannten, boten Hilfe an. Sie teilten ihr Mitgefühl und ihre Erfahrungen auf eine warmherzige, fürsorgliche Weise. Es waren Verbündete direkt um die Ecke. Menschen, die einfach da waren.
Diese Phase war kräftezehrend. Körper und Geist gerieten zunehmend in eine Überforderung, die ich so von mir bisher nicht kannte.
Was mir in dieser Zeit Halt gab, waren meine Werte, Visionen und inneren Leitsätze:
- Ich wollte mich zeigen, wie ich bin – und hatte gleichzeitig Angst vor Beurteilung. In der Siedlung machte ich die Erfahrung, dass ich mich nicht mehr verstellen muss. Ich darf authentisch sein, mit all meinen Stärken und Schwächen. Ich muss niemandem etwas beweisen. Ich werde akzeptiert, so wie ich bin.
- Die Vision von unserem Haus und von einem glücklichen, erfüllten Leben an diesem neuen Ort ließ mich jeden einzelnen Schritt durchstehen.
- Gleichzeitig begleiteten mich innere Sätze wie: „Ich schaffe das schon.“ – „Am Ende wird alles gut.“ – „Ich muss da jetzt durch.“
Ich begann immer deutlicher zu spüren, welche Beziehungen mir Halt gaben – und welche sich toxisch anfühlten. Während ich mir selbst treuer wurde, hinterfragte ich viele Beziehungen neu: im Freundes- und Familienkreis ebenso wie auf der Arbeit. Ich begann auszusortieren, was mir nicht mehr guttat.
Gleichzeitig achtete ich immer stärker auf meinen eigenen Energiehaushalt. Wahrscheinlich war genau das so wichtig, weil ich bereits in einer dauerhaften Überforderung steckte. Ich zog mich aus bestimmten Situationen und Kontakten zurück. Ich war achtsamer mit mir selbst. Ich war nicht mehr bereit, meine verbleibende Energie von anderen rauben zu lassen – oder sie unbewusst zu verschenken.
Es war eine Zeit, in der alles noch einmal ins Wanken geriet.
An Heiligabend 2022 bekam ich einen Heiratsantrag. Und ich war bereit, diese Bindung einzugehen.
Mit der Entscheidung zu heiraten standen jedoch erneut viele Fragen im Raum: Wann? Wie? Wo? Mit welchen Gästen? In welchem Rahmen? Wie groß? Wie teuer?
Mein Partner und ich waren uns in vielen Punkten einig: Wir heiraten so, wie wir es uns vorstellen – nicht so, wie andere es erwarten oder wünschen. An manchen Stellen fiel es mir dennoch schwer, Entscheidungen wirklich nach meinen eigenen Bedürfnissen zu treffen. Die alte Stimme meldete sich wieder: „Was sollen die Leute denken?“ Und da war die Angst, die Erwartungen meiner Familie nicht zu erfüllen.
Doch bei allem, was mir wirklich wichtig war, blieb ich mir treu. Ich setzte mich durch.
Am Ende war es unsere Traumhochzeit. Echt. Authentisch. Ohne Verkleidung. Wir heirateten in maßgeschneiderten Hoodies der Hoodie-Manufaktur WASNI (Wenn Anders Sein Normal Ist) mit unserem persönlichen Hochzeitslogo. Ich trug einen Blumenstrauß aus Hortensien und Sonnenblumen. Genau so traten wir – an unserem 11. Jahrestag – vor das Standesamt und vor den Altar.
Die Planung dieser Hochzeit war für mich eine unglaublich wertvolle Erfahrung. Ich lernte, dass ich mich zeigen darf, wie ich bin. Dass ich meinen eigenen Weg gehen darf. Und dass ich meiner Intuition vertrauen kann.
Phase 7: Die tiefste Höhle – innere Konfrontation und Heilung
Leitfrage: Welchem Schmerz konnte ich nicht länger ausweichen?
Zu Weihnachten 2023 bekam ich das Buch „The Responsibility Process“ geschenkt. Kurz darauf durfte ich eine lange verborgene Wunde heilen, indem ich den gesamten Prozess anhand eines sehr persönlichen Themas durchlief. (Da dieses Thema sehr privat ist, beschreibe ich den Prozess, ohne näher darauf einzugehen.)
Beim Lesen offenbarte sich mir das Thema, ohne dass ich danach gesucht hatte. Es traf mich unerwartet – und löste sofort Schmerz in mir aus. Ich begann, mich ihm zu stellen.
Zuerst tauchten Gedanken auf, wer schuld daran sei. Durch das Buch erkannte ich jedoch, dass ich gerade im Außen nach Schuld suchte. Also wollte ich Verantwortung übernehmen – und zack: Ich landete in der Rechtfertigung. Die Umstände seien nun einmal so gewesen. Keine Absicht. Keine Schuld.
Dann kamen die Gefühle.
Eine tiefe Traurigkeit überrollte mich. Ich wusste nicht, woher sie kam oder warum sie so heftig war – aber ich begann zu schluchzen und konnte kaum wieder aufhören. Es fühlte sich an, als würde ich innerlich ertrinken, wenn ich es nicht herausließe.
Und dann kam die Scham.
Ich bin schuld. Meinetwegen ist es so, wie es ist. Ohne mich wäre alles anders gewesen.
Zwischen diesen beiden Zuständen sprang ich mehrere Tage hin und her. Ich wünschte mir nur, dass es endlich aufhört. Dass ich etwas tun kann, damit es endet. Doch ich hatte Angst. Ich wollte diesen Schritt nicht gehen. Gleichzeitig ließ mir die unbeschreibliche Traurigkeit keine Wahl.
Mein Mann fragte mich immer wieder, ob er mich ablenken könne. Doch ich wusste: Ich muss da jetzt durch.
Ich entschied mich, zu fühlen. Ich war überzeugt, dass ich dieses Thema nur über meine Gefühle verarbeiten und heilen kann – für mich und für die beteiligten Personen.
Ich begann hinzuhören. Hinzuschauen. Hineinzufühlen.
Es tat weh. Doch ich nahm den Schmerz an, ohne mich in ihm zu verlieren – auch wenn es sich zeitweise anders anfühlte. Ich beschäftigte mich bewusst mit dem Weinen. Emotionales Weinen beruhigt das Nervensystem und setzt Hormone frei, die emotionale Schmerzen lindern. Jede vergossene Träne linderte meinen inneren Schmerz ein Stück mehr.
Früher hätte ich mir nie erlaubt zu sagen, dass ich nicht mehr kann oder eine Pause brauche. In dieser Zeit blieb mir nichts anderes übrig. Ich zog mich zurück, nahm mir Raum, Ruhe und Zeit für Meditation.
Ich hatte Angst, nie wieder aus diesem Loch herauszukommen. Gleichzeitig spürte ich, dass ich diesen Zustand eine Weile aushalten muss, um daran zu wachsen. Früher hätte ich mich abgelenkt, um nicht so intensiv fühlen zu müssen.
Dann kam der Tag, an dem ich mich dem Thema auch nach außen stellte. Ich schrieb meine Gedanken und Gefühle auf, um auf die betroffene(n) Person(en) zuzugehen. Ich war bereit, Verantwortung zu übernehmen – ohne Beschuldigung, Rechtfertigung, Scham oder Verpflichtung.
Wir sprachen uns aus. Wir sprachen über unsere Gefühle, verarbeiteten das Erlebte und konnten die Wunde heilen. Heute haben wir eine tiefere Verbindung zu einander als je zuvor (mein Eindruck), zeigen ein echteres Interesse an dem jeweils anderen und nehmen uns anders Zeit für die Sorgen aber auch Freude des anderen.
Phase 8: Krise, Tod & Wiedergeburt – Zusammenbruch und Neubeginn
Leitfrage: Was musste endgültig sterben, damit ich neu werden konnte?
Alles, was ich bis hierher erlebt hatte, bereitete mich auf meine entscheidende Prüfung vor.
Seit 2023 durfte ich an einem Mitarbeiterförderprogramm teilnehmen, das sich über 12–24 Monate erstreckte. Mein Auftakt war ein Kreativworkshop in der Komischen Oper in Berlin. Am Abend besuchten wir gemeinsam die Aufführung „La Cage aux Folles (Ein Käfig voller Narren)“. Das Musical war atemberaubend und herzzerreißend zugleich.
Das Lied „I Am What I Am“ berührte mich so tief, dass mir die Tränen liefen. Es erinnerte mich unmittelbar an mein Human Design.
2024 folgten weitere Workshops, die mich nachhaltig zum Umdenken brachten und mein persönliches Wachstum förderten. In einem Seminar lernte ich, Grenzen zu setzen (darüber habe ich bereits in einem eigenen Beitrag geschrieben). In einem anderen ging es um eine persönliche Standortbestimmung.
Ich hatte eine ungefähre Vorstellung davon, was ich hinter mir lassen wollte – und wofür ich in Zukunft stehen möchte. Ich war entschlossen, meinen Weg zu gehen, auch wenn ich noch nicht wusste, wohin er führen würde.
Mit dem neuen Bewusstsein für meine Grenzen fielen mir Verhaltensweisen in meinem Umfeld auf, die ich nicht länger akzeptieren konnte. Früher hätte ich sie weggelächelt, heruntergeschluckt oder ignoriert. Nach außen war ich stets freundlich – egal, wie es in mir aussah.
Doch etwas hatte sich verändert.
Ich lernte meine eigenen Grenzen kennen – und wollte sie verteidigen. Ich wollte es nicht mehr allen recht machen auf meine Kosten. Und ich wollte, dass es mir egal wird, was andere über mich denken.
Früher wollte ich, dass mich alle mögen. Ich passte mich an – bis zur Selbstaufgabe. Heute habe ich lieber eine Handvoll tiefer Freundschaften als viele lose Kontakte. Und vor allem: Ich muss mich selbst mögen.
Ich lebe nach dem Satz: „Leben und leben lassen.“ Auch ich beurteile manchmal andere – ihre Kleidung, ihre Entscheidungen. Doch es bleibt meine Meinung. Jede:r darf sein Leben so leben, wie es sich richtig anfühlt.
Für mich bedeutete das, mich neuen Fragen zu stellen: Wie will ich leben? Was sind meine Ziele und Visionen? Welche Haltung will ich einnehmen?
Mitten in diesem inneren Prozess tauchte eine Person auf, die meine Vertrauenswürdigkeit infrage stellte. Ich versuchte standzuhalten – merkte jedoch schnell, dass der Widerstand zwecklos war. Die Situation eskalierte, und ich lag am Boden.
Ich zweifelte an meinem Wert. Ich kann nichts. Ich weiß nichts. Ich bin zu schwach. Ich kann niemandem vertrauen.
Die Person war niemand Geringeres als mein damaliger Chef.
Rückblickend gab es über Jahre hinweg immer wieder merkwürdige Situationen. Doch geschickt eingesetztes Love Bombing und Gaslighting führten dazu, dass ich lange an mir selbst zweifelte, statt sein Verhalten infrage zu stellen – wie ich später in meiner Reha lernen durfte.
Ich glaube, ein Aspekt, der meine Selbstzweifel massiv anfeuerte, war die Tatsache, dass es in meinem Umfeld üblich war – oder zumindest lange Zeit so schien –, mir zu spiegeln, ich sei zu dünnhäutig, zu empfindlich. Ich dürfe das alles nicht persönlich nehmen und sollte ihn – und damit sein Fehlverhalten – akzeptieren.
Heute weiß ich es besser.
Heute vertraue ich meiner Intuition.
Meine Therapeutin brachte meine Erlebnisse irgendwann mit einem Satz auf den Punkt, der mich gleichzeitig erschüttert und erleichtert hat: „Emotionale Vergewaltigung.“
Puh. Das ist eine Bezeichnung, die sitzt.
Und ich frage dich: Würdest du jemandem, der körperlich vergewaltigt wurde, sagen, er sei zu empfindlich, zu sensibel oder solle einfach das Verhalten des Täters akzeptieren?
Bei Opfern spielt Scham oft eine zentrale Rolle. Und als Opfer emotionaler Gewalt kann ich das nur bestätigen. Scham war eines der stärksten Gefühle, die mich begleitet haben.
Warum passiert mir das?
Bin ich am Ende selbst schuld daran?
Als die Situation schließlich eskalierte, stand eines fest: Ich konnte nicht zurück in meinen alten Job.
Verzweifelt suchte ich nach dem nächstbesten Jobangebot. Es gab durchaus Stellen, auf die mein Profil gepasst hätte. Doch jedes einzelne Angebot fühlte sich nach alter Welt an. Ähnliche Strukturen. Ähnliche Dynamiken. Ähnliche Herausforderungen.
Darauf hatte ich keine Lust mehr. Ich wollte neu starten.
Gleichzeitig war da diese Angst, mir durch ein ausgeschlagenes Angebot eine Chance zu verbauen. Doch meine Intuition meldete sich – klar und ohne logische Begründung. Ich wusste einfach, dass es nicht die richtigen Optionen waren.
Also begann ich, mich im Loslassen zu üben.
Ich blickte hoffnungsvoll in die Zukunft und vertraute darauf, dass das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zu mir kommen würde. Ich wusste weder, was es sein würde, noch wonach ich konkret suchte. Aber ich begann zu vertrauen – darauf, dass das Universum einen Plan für mich hat.
Die Zeit zu Hause verging, und es fühlte sich mehr und mehr nach einem inneren Durchbruch an.
Ich begann, mich selbst zu lieben – so wie ich bin. Mit all meinen Ecken und Kanten. Oder besser gesagt: Kurven 😉
Ich löste mich Stück für Stück von der Anerkennung anderer, weil ich begann, mir diese Anerkennung selbst zu schenken.
Lange Zeit hatte ich geglaubt, nichts wert zu sein. Ich hatte mich ständig mit anderen verglichen – und in diesen Vergleichen immer schlechter abgeschnitten.
Heute weiß ich: Ich darf mich nicht mit anderen vergleichen, sondern nur mit der Version meines früheren Ichs.
Und wow. Wie krass ich mich verändert habe.
Das hätte ich selbst nie für möglich gehalten.
Ich musste mich gar nicht neu erfinden.
Ich durfte vielmehr zu meinem echten, authentischen Ich zurückfinden.
Zu meiner authentischsten Version.
Ich gab den Kampf auf.
Den Wettkampf.
Den Machtkampf.
Ich wollte nicht mehr kämpfen – ich wollte erblühen.
Wachsen.
Sanft.
Und in leuchtenden Farben strahlen.
Mach dich frei – selbst dann, wenn Loslassen erst einmal weh tut.

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